Studiengang Indogermanistik und Indoiranistik

Wesen und Aufgaben der Indogermanistik

Den Forschungsgegenstand der vergleichenden indogermanischen Sprachwissenschaft (kurz: Indogermanistik) bilden die indogermanischen Sprachen.

Die indogermanischen Sprachen sind genetisch verwandt, das heißt gemeinsamen Ursprungs. Die "indogermanische Grundsprache", aus der sie stammen, ist nicht überliefert.

Die wichtigsten Glieder der indogermanischen Sprachfamilie sind:

  • Indoarisch (mit dem Vedischen und dem Sanskrit),
  • Iranisch,
  • Griechisch (mit dem Mykenischen),
  • Anatolisch (vor allem Hethitisch),
  • Italisch (vor allem Latein und Oskisch-Umbrisch),
  • Keltisch (vor allem Irisch, Kymrisch, Bretonisch),
  • Germanisch (mit dem Deutschen und Englischen),
  • Slawisch (mit dem Russischen),
  • Baltisch (Litauisch, Lettisch, Prußisch),
  • Armenisch,
  • Albanisch,
  • Tocharisch.

Unter ihnen haben Indoarisch und Griechisch aufgrund ihrer Altertümlichkeit und der Art ihrer Überlieferung eine herausragende Bedeutung. Das Lateinische hat besondere Wichtigkeit für die ganze europäische Kultur- und Sprachenwelt sowie für die Wissenschaft von der Sprache überhaupt erlangt. Anatolisch und Tocharisch sind als erst spät entdeckte und noch wenig erforschte Gebiete von besonderem Interesse.

Für die Indogermanistik sind vor allem die älteren Stufen der indogermanischen Sprachen wesentlich, zum Beispiel: Vedisch; Altiranisch (Altpersisch und Avestisch); vorhellenistisches Griechisch; Altlatein; Altirisch; Altgermanisch (Gotisch, Althochdeutsch, Altenglisch usw.); Altkirchenslawisch. Das Ziel der Indogermanistik ist es, diese Sprachen genau zu beschreiben, ihre Ähnlichkeiten und Unterschiede zu erklären sowie die prähistorische indogermanische Grundsprache zu rekonstruieren.

Der Indogermanist begegnet in seinem Fach Texten von hoher literarischer, geistesgeschichtlicher und historischer Bedeutung, z.B.

  • den altindoarischen Veden (um 1000 v. Chr.);
  • den avestischen Gathas des Zarathustra;
  • den altpersischen Inschriften der Großkönige Darius und Xerxes (ab 521 v. Chr.);
  • den Epen Homers (um 750 v. Chr.);
  • den hethitischen Gesetzen (ab 1600 v. Chr.);
  • der gotischen Wulfila-Bibel.

Die Indogermanistik erschließt vorhistorische Sprach- und Völkerzusammenhänge und beobachtet die Veränderung von Sprachen über lange Zeiträume hinweg.

Wesen und Aufgaben der Indoiranistik

Die indoiranische Philologie (kurz: Indoiranistik) umfasst einen Teil der beiden Fächer Indologie und Iranistik, die anderswo auch durch selbständige Lehrstühle vertreten werden. Die Zusammenfassung zu einem eigenen Fach ist dadurch begründet, dass zwischen dem Altindischen – genauer: Altindoarischen – und dem Altiranischen eine nahe sprachliche Verwandtschaft besteht und beide Sprachen auf eine gemeinsame Vorstufe, die indoiranische Grundsprache (Urindoiranisch oder Urarisch), eine Tochtersprache des Urindogermanischen, zurückgehen.

Die engen Beziehungen zwischen dem arischen Indien und Iran sind nicht nur auf den sprachlichen Bereich beschränkt, sie zeigen sich auch in zahlreichen Übereinstimmungen auf religiösem, literarischem und allgemein kulturellem Gebiet. Im Unterschied zu den Fächern Indologie und Iranistik, die auf ihrem jeweiligen Gebiet den gesamten Zeitraum vom Altertum bis zur Neuzeit abzudecken haben, liegt das Schwergewicht der Indoiranistik auf den Sprachen und Literaturen der älteren Epochen beider Gebiete.

Diese gut bezeugten Altstufen des Indoarischen und des Iranischen, die als sprach- und geistesgeschichtliche Dokumente der ersten Hälfte des ersten vorchristlichen Jahrtausends von grundlegender Wichtigkeit sind, setzen die Indoiranistik in die Lage, durch den Vergleich von Gemeinsamkeiten und Unterschieden auch sprachliche und sachliche Gegebenheiten aus vorhistorischer Zeit (d.h. aus der Zeit der nicht überlieferten indoiranischen Grundsprache) in die Betrachtung einzubringen. Da die Mehrzahl der literarischen Texte des Indoarischen und des Iranischen religiösen Inhalts ist, spielen religions- und geistesgeschichtliche Fragestellungen innerhalb der Indoiranistik eine gewichtige Rolle (z.B. vedischer Polytheismus, magische Weltanschauung, Upanishaden, Zarathustrismus und mazdayasnische Religion).

Das Altindoarische liegt in zwei Entwicklungsstufen, dem Vedischen einerseits und dem epischen und klassischen Sanskrit andererseits, vor.

Für die Indoiranistik ist das Vedische aufgrund seiner Altertümlichkeit von herausragender Bedeutung. Die umfangreiche vedische Literatur, die etwa zwischen 1200 und 500 v. Chr. angesetzt werden darf, lässt sich in mehrere Schichten einteilen:

  • Samhitas (Hymnen, Opferlieder, Zaubersprüche, rituelle Prosatexte; ältestes Denkmal der Rgveda um 1200 v.Chr.);
  • Brahmanas (Prosakommentare zur Begründung des Opferrituals in magischer Weltanschauung);
  • Aranyakas und ältere Upanishaden (mystisch-spekulative Prosatexte, Atman-Brahman-Lehre);
  • Srauta- und Grhyasutras (Beschreibung des öffentlichen bzw. häuslichen Opferrituals).

Im epischen und klassischen Sanskrit liegt ein umfangreiches, alle kulturellen und wissenschaftlichen Bereiche umfassendes Schrifttum vor.

Vom Altiranischen sind zwei Dialekte überliefert, das Avestische und das Altpersische.

Das Avestische zeigt zwei Ausprägungen:

  • Altavestisch, die Sprache der Gathas (Lieder) und einiger heiliger Gebete des Zarathustra (vielleicht um 900 v. Chr.);
  • Jungavestisch, die Sprache der sich an das Reformwerk Zarathustras anschließenden religiösen Texte des Mazdayasnismus (älteste Schicht vielleicht um 600 v. Chr.).

Das Altpersische ist bezeugt durch die Keilinschriften der Achämenidenkönige, vor allem des Darius I. (521-485) und Xerxes I. (485-465).

Das Altindoarische und das Altiranische setzen sich im Mittelindoarischen bzw. Mitteliranischen fort.

Das Mittelindoarische ist literarisch und inschriftlich in den Prakrit-Dialekten bezeugt, unter denen das Pali als Sprache des buddhistischen Kanons eine besondere Bedeutung hat. Das Mitteliranische wird durch eine Anzahl wichtiger Einzeldialekte repräsentiert, z.B. Mittelpersisch (Pahlavi), Chotan-Sakisch, Sogdisch usw.